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Bedeutet »Evidenzbasierte Medizin« »wissenschaftliche Medizin«?

Nein!

Evidenzbasierte Medizin (EbM) wird nach der Definition des kanadischen Wissenschaftlers David L. Sackett und des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) so definiert:

„EbM ist der gewissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der gegenwärtig besten Evidenz für Entscheidungen in der medizinischen Versorgung individueller Patienten.“ (1)

EbM basiert auf drei Grundprinzipien:

1. Wissenschaftliche Evidenz durch Studien und Literatur
2. Klinische Erfahrung und Expertise des Therapeuten
3. Berücksichtigung der Bedürfnisse und Erfahrungen des Patienten

Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) betont die Bedeutung der Erfahrung der Behandelnden. Um ihre Patientinnen und Patienten medizinisch gut zu versorgen, verlassen sich Ärztinnen und Ärzte neben ihrer Erfahrung und ihrem Fachwissen auf wissenschaftlich fundierte Empfehlungen der evidenzbasierten Medizin. Dabei werden auch die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten berücksichtigt. (2)

Gute und fundierte Aufklärung ist dabei unerlässlich:
„Verlässliche und verständliche Gesundheitsinformationen helfen Betroffenen, sich zu ihren gesundheitlichen Fragen zu informieren, damit sie über ihre Behandlung mitentscheiden können.“ (3)

Von zentraler Bedeutung für die evidenzbasierte Medizin ist die Kombination aus klinischem Fachwissen und Erfahrungen der Behandelnden und dass sie die Präferenzen der Patientinnen und Patienten berücksichtigen.

Die wissenschaftliche Evidenz ist damit nur eine von mehreren Säulen der EbM.

„Wissenschaftlich = wahr?“

So einfach ist es nicht.

Wissenschaftliche Erkenntnis unterliegt stetigem Wandel. Manchmal führt sie zu drastischen Fehlurteilen mit weitreichenden Konsequenzen. Ein Beispiel aus der Medizingeschichte: Neugeborene wurden bis in die 1980er Jahre ohne Narkose operiert, denn es galt als wissenschaftlich gesichert, dass Babys keine Schmerzen empfinden können. Neuere Untersuchungen an Babys belegten: Das Schmerzempfinden von Babys ist sogar um ein Vielfaches stärker als das von Erwachsenen. (4)

Das bedeutet: Eine Annahme, die heute noch nicht wissenschaftlich nachweisbar ist, kann trotzdem wahr sein.
Quellen

(1) David Sackett et al. 1996: Evidence based medicine: what it is and what it isn’t. BMJ 312: 71-72

(2) Evidenzbasierte Medizin (EbM) https://gesund.bund.de/evidenzbasierte-medizin-ebm

(3) Evidenzbasierte Medizin (EbM) https://gesund.bund.de/evidenzbasierte-medizin-ebm

(4) Neugeborene fühlen Schmerzen stärker als Erwachsene, Ärzteblatt, April 2015,
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/62565 (Abrufdatum 1.5.2023)

Bildquellen: © Foto: Kirsten Oborny, Stuttgart | Grafik: Flaticon, Claudia Schlutter